Kärnten ruft das Jahr der Literatur aus

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12. Februar 2026

Es sind große Zahlen, die Landeshauptmann und Kulturreferent Peter Kaiser am Mittwoch aufzählt. Hundert Jahre Ingeborg Bachmann. Fünfzig Jahre Bachmann-Preis. Achtzig Jahre Gert Jonke. Sechzig Jahre Cvetka Lipuš. Neunzig Jahre Engelbert Obernosterer. Und über allem der Nobelpreis für Peter Handke.

Es ist ein literarisches Tableau, das Eindruck machen soll – und das zugleich den Anspruch des Landes formuliert: Kärnten will sich 2026 als Literaturland präsentieren. Mit einer Auftaktveranstaltung und der Programmpräsentation startete das „Jahr der Literatur | Leto literature“, das mittlerweile zehnte kulturelle Schwerpunktjahr seit 2016.

v.l.n.r.: Dominik Srienc, Doris Moser, Christine Haupt-Stummer, Andreas Krištof, LH Peter Kaiser. Auftakt des „Jahres der Literatur“ im Klagenfurter Musilhaus.

v.l.n.r.: Dominik Srienc, Doris Moser, Christine Haupt-Stummer, Andreas Krištof, LH Peter Kaiser. Auftakt des „Jahres der Literatur“ im Klagenfurter Musilhaus. Foto: LPD/DerHandler

Kaiser spricht von Sichtbarkeit und Strahlkraft, von einem kulturellen Selbstbewusstsein, das über die Landesgrenzen hinausreiche. Tatsächlich kann sich die Bilanz sehen lassen: sieben Staatspreisträgerinnen und -preisträger nach 1945, mehrere Büchnerpreisträger, ein Nobelpreisträger. Kein anderes Bundesland in Österreich führt diese Liste in vergleichbarer Dichte an.

Doch es geht nicht nur um Jubiläen und Ehrentage. Der Kulturreferent verweist auf die gesellschaftliche Dimension von Kunst: Literatur lehre das Hinterfragen, das Aushalten von Widerspruch, das Gespräch mit dem Gegenüber – Tugenden, die in liberalen Demokratien nicht selbstverständlich sind. Zwischen Festakt und Festrede blitzt hier ein politischer Anspruch auf.

Literatur als öffentlicher Raum

Das Programm ruht auf zwei Säulen. Die erste ist digital: Eine zweisprachige Plattform versammelt Autorinnen und Autoren, Verlage, Festivals und ein umfangreiches Autor:innenlexikon. Sie versteht sich als Nachschlagewerk und Servicestelle zugleich – mit Informationen zu Preisen, Stipendien und Auszeichnungen. Künftig soll das Musil-Institut die Betreuung übernehmen.

Die zweite Säule ist analog und mobil: Das „Literatura Mobil“, eine fahrende Bühne samt Bibliothek, wird von Mai bis Oktober durchs Land touren. Lesungen, Workshops, Interventionen im öffentlichen Raum – Literatur soll nicht nur in Sälen stattfinden, sondern auf Plätzen, in Schulen, an Orten, die man sonst nicht mit Büchern verbindet. Urban wie ländlich, deutsch wie slowenisch, generationenübergreifend.

Literarisch-Musikalische Intervention von Violinistin Lena Kolter. Foto: DerHandler

Literarisch-Musikalische Intervention von Violinistin Lena Kolter. Foto: DerHandler

Dass Partizipation kein bloßes Schlagwort bleiben soll, zeigt der „kollektive Kärntenroman“. Unter Anleitung von Simone Schönett und Harald Schwinger können Bürgerinnen und Bürger mitschreiben. Literatur wird hier als soziale Praxis gedacht – nicht nur als Werk, sondern als Prozess.

Christine Haupt-Stummer zitierte bei der Präsentation einen Satz von Handke: „Lesen Sie gefälligst.“ Ein Imperativ, halb augenzwinkernd, halb ernst gemeint. Denn das Schwerpunktjahr versteht Literatur nicht als museale Größe, sondern als lebendigen Raum der Erinnerung und der Imagination.

LH Peter Kaiser am Podium mit Bianca Maria Braunshofer (Wiens Bookoskop) im Klagenfurter Musilhaus bei der Auftaktveranstaltung für das „Jahr der Literatur“. Foto: LPD/DerHandler

LH Peter Kaiser am Podium mit Bianca Maria Braunshofer (Wiens Bookoskop) im Klagenfurter Musilhaus bei der Auftaktveranstaltung für das „Jahr der Literatur“. Foto: LPD/DerHandler

Ein Ritual mit Geschichte

Seit 2016 ruft das Land jährlich thematische Kulturschwerpunkte aus: freie Kulturinitiativen, Kunst im öffentlichen Raum, Kinder- und Jugendtheater, Baukultur, Bildende Kunst, Volkskultur, Fotografie, zuletzt das Erinnerungsjahr. Die Reihe ist ein kulturpolitisches Instrument – zugleich Bühne und Signal.

2026 also Literatur. Ein Jahr, das sich auf ein starkes Erbe stützt und doch den Blick nach vorne richtet. Ob es gelingt, über das Feiern der großen Namen hinaus neue Stimmen hörbar zu machen, wird sich zeigen. Der Rahmen ist gesetzt, der Anspruch formuliert.

Jetzt bleibt – im Sinne Handkes – die einfachste und schwierigste Aufgabe: lesen.