Großes Rätsel um eine kleine Tafel am Pyramidenkogel

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29. Juni 2021

Eine Gedenktafel hinter dem Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel erinnert an den 22. April 1888. Aber niemand weiß, was damals geschehen ist. Steckt eine Liebesgeschichte dahinter?

Wer den spektakulären Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel besteigt (oder bequem mit dem Lift befährt), genießt vor allem die Aussicht. Sie reicht weit über den Wörthersee hinaus: An klaren Tagen hat man den vollen Durchblick bis zu den Hohen Tauern. Genau der fehlt aber – unabhängig von der aktuellen Witterung – ein paar Schritte neben dem Turm. Dort gibt eine Gedenktafel seit Jahren Rätsel auf.

Sie befindet sich im unerschlossenen und öffentlich nicht zugänglichen Gelände südlich des Gipfelplateaus. Die säuberlich in einen Felsen eingesetzte Tafel aus Marmor trägt die noch gut lesbare Inschrift „Zur Erinnerung an den 22. April 1888“. Der Kärntner Forscher Andreas Kleewein hat für sein 2018 erschienenes Buch „Der Pyramidenkogel und seine Türme“ viele Archive durchstöbert und Interviews geführt, ist aber dennoch ratlos: „Niemand weiß, an welchen Anlass hier erinnert werden soll.“

Gedenktafel unter dem Aussichtsturm am Pyramidenkogel (fotoqudr.at/Helmuth Weichselbraun)

Gedenktafel unter dem Aussichtsturm (fotoqudr.at/Helmuth Weichselbraun)

Das leicht zu merkende Datum (22 x 4 = 88) könnte ein Hinweis auf eine Liebesgeschichte sein. Hat sich ein Paar bei einem Ausflug auf den Pyramidenkogel – der 22. April 1888 war laut Kalender ein Sonntag – verlobt? „Möglich“, sagt Kleewein. „Jedenfalls ist die Tafel ein Beleg dafür, dass dieser Platz einige Menschen schon im 19. Jahrhundert fasziniert hat.“ Für ihre Aussicht war die Gegend damals aber noch nicht öffentlich bekannt. „Der Berg wird in keinem Reiseführer aus dieser Zeit erwähnt.“

Der Aufstieg zum weithin bekannten Ausflugsziel begann erst 1907, wie Kleewein in seinem Buch schreibt. Die Kurkommission der Gemeinde Pörtschach ließ damals von der „Dampfer-Landungsstelle“ in Dellach einen Weg auf den Pyramidenkogel anlegen. Auf dem Gipfel wurde eine kleine Aussichtswarte errichtet, die sich rasch großer Beliebtheit erfreute. „Die Kurkommission hat deshalb sogar eine Direktverbindung per Dampfschiff von Pörtschach nach Dellach eingerichtet“, weiß Kleewein aus alten Fahrplänen.

Der erste Turm auf dem Pyramidenkogel wurde 1950 von der Gemeinde Keutschach errichtet. Die Holzkonstruktion war 22 Meter hoch und konnte zunächst kostenlos erklommen werden. „Erst ab 1952 hat man Eintritt kassiert. Erwachsene haben einen Schilling gezahlt Kinder 50 Groschen.“ Der Rest ist eine Erfolgsgeschichte mit zwei Kapiteln: 1968 wurde der Turm durch einen 54 Meter hohen Betonkoloss ersetzt, 2013 folgte die aktuelle „100-Meter-Holzschraube“, die längst als neues Wahrzeichen der Wörthersee-Region gilt.

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Bau des Aussichtsturmes im Jahr 2013

Am Rande der Bauarbeiten wurde man auf die Marmortafel aufmerksam, die tatsächlich höchst private Gründe haben dürfte. In historischen Kalendern findet sich für den 22. April 1888 nämlich nur ein Ereignis: die Eröffnungsvorstellung des „Spezialitätentheaters Ronacher“ in Wien.

Ausflugstipp: Aussichtsturm am Pyramidenkogel
Buchtipp: Andreas Kleewein „Der Pyramidenkogel und seine Türme“