Zeitgeschichte gebunkert

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15. März 2015

Abenteuer-Tour durchs Kanaltal: Der italienische Verein „LandScapes“ vermittelt Zeitgeschichte beim Geocachen. Dabei wird man auch in früher streng geheime NATO-Bunker geführt.

Von Georg Lux (Text) und Helmuth Weichselbraun (Fotos)

Bunker-Fans kennen sich. So groß ist die Community nicht. Oder doch?! Wir haben nicht schlecht geschaut, als uns Andreas Scherer, Betreiber des Bunkermuseums auf dem Wurzenpass, unlängst zu einer Aktion seiner italienischen Kollegen mitgenommen hat. Geschätzte 200 Geocacher aus Italien, Slowenien und Österreich waren gekommen, um mit Mitgliedern des Vereins „LandScapes“ einen bis 1992 geheimen NATO-Bunker zu erkunden.

 

Den Initiatoren ging es dabei weniger ums Abenteuer (das war, weil unterirdisch, sowieso dabei), sondern vielmehr um die Vermittlung von Zeitgeschichte. Weitere Veranstaltungen dieser Art sollen folgen, auch eine Kooperation mit dem Kärntner Bunkermuseum wird es geben. Wir durften darüber in der Kleinen Zeitung berichten. Hier die Reportage in einer etwas ausführlicheren Fassung:

Moderne Heimatforscher

Man muss schon mit der Nase drauf stoßen, um herauszufinden, dass der Felsen kein Felsen ist. Fieberglas, tippen wir, mit einer Art Spritzbeton überzogen. Gewissheit bringt ein simpler Test: Klopf, klopf! Hohl. Früher wäre spätesten jetzt Endstation für Entdecker gewesen. Der vermeintliche Felsen verbirgt den Zugang zu einem bis 1992 streng geheimen NATO-Bunker bei Ugovizza im Kanaltal.

Heute sind hier nur noch die Zivilisten „bewaffnet“: mit Helm, Taschenlampe und GPS-Gerät. Die Uniformen der sogenannten Geocacher kommen von Northland, Mammut & Co. – ein buntes Bild im Wald. Rund 200 Anhänger der digitalen Schnitzeljagd aus Italien, Slowenien und Österreich warten vor dem Bunker auf letzte Instruktionen. Die Anlage gehört zu einer Serie von zehn Geocaches (Schnitzeljagd-Punkten), die der örtliche Verein „LandScapes“ rund um Valbruna und Ugovizza neu angelegt hat.

 

Die Mitglieder von „LandScapes“ (deutsch: Landschaften) sind moderne Heimatforscher. „Die wechselhafte Geschichte des Kanaltals hat überall sichtbare Spuren hinterlassen. Auf sie wollen wir die Menschen aufmerksam machen“, sagt Anita Pinagli, Vereinsmitglied und Archäologin. Die Gruppe vermittelt Geschichte als Abenteuer. Wer die „LandScapes“-Geocaches aufsucht, wird nicht bloß von A nach B geschickt. Im Internet sind ausführliche Hintergrundinfos über den jeweiligen Ort des Geschehens hinterlegt.

Zu entdecken gibt es genug. „Wir stehen erst am Anfang unserer Arbeit“, räumt Pinagli ein. Das Kanaltal war und ist Schnittpunkt, aber auch Schmelztiegel mehrerer Kulturen. Österreicher, Slowenen, Friulaner und Italiener prägten die Entwicklung der Gegend gleichermaßen. Zum vorerst letzten Kapitel, dem Kalten Krieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gehört dieser Bunker. Rund um Tarvis existierten Hunderte dieser Anlagen. Sie sollten Italien vor einem Angriff des Ostblockbündnisses schützen.

40 Soldaten hätten das Tal im Fall einer Invasion von hier unter Feuer nehmen können. Die rund um den Berg verteilten Schießscharten sind ebenfalls hinter künstlichen Felsen versteckt. Dahinter hat man ab 1952 eine kleine Stadt in den Felsen gesprengt. Die Anlage, sie trug den Namen „Opera 4“, hätte der NATO im Kriegsfall als Kommandozentrale für das Kanaltal gedient. Heute bevölkern vor allem Spinnen die langen unterirdischen Gänge. Und manchmal neugierige Geocacher, die von „LandScapes“-Mitgliedern durch den Bunker geführt werden.

Abseits der Touren bleibt die Anlage verschlossen. Sie scheint betriebsbereit zu sein. Wir finden riesige Wassertanks, Strom- und Telefonleitungen sehen aus, als wären sie erst gestern verlegt worden. Zwischen 1952 und 1992 wurde der Bunker immer weiter ausgebaut, erzählt Pinagli und seufzt: „Das war eine riesige Geldverschwendung.“

Die Freunde des Bunkermuseums zu Besuch bei LandScapes

Die Freunde des Bunkermuseums zu Besuch bei LandScapes

Der Verein

Die Gruppe „LandScapes Paesaggi Alpini in Val Canale“ hat sich der geschichtlichen Erforschung des Kanaltals verschrieben und veranstaltet regelmäßig Führungen. Über die Termine informieren Anita Pinagli und ihre Kollegen auf www.landscapesvalcanale.eu sowie auf der LandScape-Facebookseite. Kärntner LandScapes-Kooperationspartner ist das Bunkermuseum Wurzenpass.

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