„Hier ist eine neue Welt, das Paradies!“

Gepostet von
20. August 2018

Ein Zufall ebnete vor 200 Jahren den Aufstieg der Höhle von Postojna in Slowenien zu einer der weltweit bekanntesten Touristenattraktionen.

Von Georg Lux und Helmuth Weichselbraun

Das Krimskrams, das kilometerlange Gänge in Möbelhäusern füllen kann, ist ja doch für etwas gut! Denn ausgerechnet einer sogenannten „Deko“ verdanken wir die spektakulärste Entdeckung der europäischen Höhlenforschung. Sie geschah 1818, als man sich in der Adelsberger Grotte auf den Besuch von Kaiser Franz I. vorbereitete. Sie sollte prächtig geschmückt werden, weshalb der Lichtwart Luka Cec über eine wacklige Leiter am Ende der Höhle auf einen Felsen geschickt wurde, um ein Transparent anzubringen. Mit einer Lampe oben angekommen, verschwand er und kehrte erst nach Stunden zurück. „Hier ist eine neue Welt, das Paradies!“, soll der Lichtwart gerufen haben.

 

Cec hatte nicht übertrieben. Die von ihm entdeckte Fortsetzung der Tropfsteinhöhle übertraf den seit dem 13. Jahrhundert bekannten Eingangsbereich bei Weitem. Heute kennt man die Örtlichkeit unter dem angesichts ihrer Lage in Slowenien korrekteren Namen „Höhle von Postojna“. Sie ist die zweitgrößte für Touristen erschlossene Tropfsteinhöhle der Welt. Fünf Kilometer des 24 Kilometer langen unterirdischen Systems sind für Besucher zugänglich, die nicht erst seit gestern kommen: Für zahlende Gäste wurde die Grotte nach dem glücklichen Zufall mit der „Deko“ ab 1819 erschlossen.

„In den vergangenen 200 Jahren haben rund 38 Millionen Menschen die Höhle besucht“, sagt Direktor Marjan Batagelj. Der frühere Staubsauger- und Immobilien-Unternehmer betreibt die Höhle seit 2010. Er investierte ins Marketing, aber auch in die weitere Erforschung der Grotte: 175 Tierarten hat man in den außerhalb der Öffnungszeiten stockdunklen Gängen bisher gezählt, davon 115 „troglobionte“. So werden Tiere bezeichnet, die ausschließlich in Höhlen leben.

 

Prominentester Vertreter dieser Gattung ist der Grottenolm. Als die Spezies im 17. Jahrhundert entdeckt wurde, hielt man sie für Drachenbabys. „Heute wissen wir, dass Grottenolme natürlich weder fliegen noch Feuer speien können“, lacht Höhlenbiologe Saso Weldt. Der Rest klingt nach wie vor sagenhaft: Die 20 bis 40 Zentimeter langen und scheinbar durchsichtigen Tiere sind völlig blind, können bis zu zehn Jahre ohne Nahrung auskommen und 100 Jahre alt werden. Grottenolme leben generell auf Sparflamme, nur etwa fünf Minuten täglich sind sie richtig aktiv. Zu Gesicht bekommt man die empfindlichen Tiere nur gut geschützt im Halbdunkeln hinter Glas und als Stofftier im Souvenirladen.

Früher machte man das Geschäft mit Postkarten: 1899 eröffnet die „Grottenverwaltungs-Commission“ ein Postamt – es war weltweit das erste in einer Höhle. Vier Angestellte der österreichisch-ungarischen Post hielten den Laden am Laufen. Sie kamen vor allem beim traditionellen Grottenfest am Pfingstmontag ordentlich ins Schwitzen, worüber die Beamten detailliert Buch führten. Deshalb wissen wir heute, dass zum Beispiel allein bei der Veranstaltung 1904 sage und schreibe 13.800 Postkarten verkauft wurden!

Entdecker Luka Cec wurde nie ein Motiv gewidmet, er verschwand lange im Dunkeln der Geschichte. Mittlerweile hält man die Erinnerung an den Lichtwart wieder hoch: Nach ihm sind Abenteuertouren benannt, die – mit Mut und Kondition – in noch tiefere Teile der Tropfsteinhöhle führen.

Buchtipps

Georg Lux und Helmuth Weichselbraun haben im Verlag Styriabooks die Bücher „Kärntens geheimnisvolle Unterwelt – Stollen, Höhlen, verborgene Gänge“ (2013), „Gold in Österreich – Eine Schatzsuche“ (2015) und „Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region“ veröffentlicht.