Geschichtliches über das STIFT ST. PAUL IM LAVANTTAL

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17. April 1990

Mächtig thront das Benediktinerstift St. Paul über dem südlichen Lavanttal. Der Hügel, der einst von einer illyrischen Burg und später von einem römischen Kastell wehrhaft überragt wurde, trug im frühen Mittelalter die Festung der Spanheimer, jenes Geschlechtes, das zur Herzogswürde in Kärnten emporsteigen sollte.

Die Spanheimer beriefen 1091 Mönche aus dem bekannten Reformkloster Hirsau, um ihrer Stiftung benediktinisches Leben einzuhauchen. Eine wechselvolle Geschichte, die Glanzpunkte und Niedergänge markierte, nahm schließlich mit der Aufhebung des Stiftes unter Kaiser Josef II. 1787 ihr vorläufiges Ende.

Die Basilika

Die Basilika

Die Gebäude, die außer der romanischen Basilika, fast zur Gänze aus dem 17. Jahrhundert stammen, standen für einige Jahre leer, ehe sie 1809 von Mönchen aus dem Schwarzwald wiederbesiedelt wurden. In der Barockzeit hatte die Historie der Abtei den Zenit erreicht. Mit Abt Hieronymus Marchstaller ergriff ein Mann den Abtstab, der das Kloster nicht nur wirtschaftlich, sondern auch spirituell zu neuer Blüte führte. Aus seiner Regentschaft stammen die prachtvollen Deckenausstattungen (Holzdecken) der heutigen musealen Räumlichkeiten. Die künstlerische Versiertheit der grandiosen Schnitzereien ist heute noch ein Denkmal der Kunstsinnigkeit des Prälaten.

Der zweite Nachfolger Marchstallers, Albert Reichart, verfolgte den ehrgeizigen Plan, das Stift zu einer prachtvollen Gottesburg auszubauen. Skizzen verraten, dass Reichart sich an der Form des spanischen Escorials orientierte. Wie Chronisten häufig vermerken mussten, so scheiterte auch dieses Vorhaben am „lieben Geld“. Kriegsabgaben, Steuern und nicht zuletzt der aufwendige Lebensstil des Abtes taten
das ihrige, so dass St. Paul heute ein Torso ist. Dass der Abt hoch hinaus wollte und offensichtlich ein Quäntchen Ruhmsucht die oft gepriesene klösterliche Demut überflügelte, zeigt die Decke der Bibliothek aus 1683. Die Malereien im päpstlichen Palazzo Farnese standen Pate für die Darstellung der beiden Hemisphären.

Eigentlich wäre der Raum das „Wohnzimmer“ des Abtes geworden, aber nach dem Scheitern des Planes, eine 70 Meter lange Bibliothek zu errichten, wurde das Provisorium eine Dauereinrichtung. Albert Reichart war ein Schöngeist wie er im Buche steht. Seine Reisen nach Italien ließen viele Ideen reifen, unter anderem jene, eine Glashütte zu errichten. Am Ende des 17. Jahrhunderts war es schließlich soweit und das Kloster öffnete eine eigene Glasbläserei mit Spiegelfabrik, deren Produkte in ganz Europa begehrt waren. Heute noch sind Gläser und Spiegel aus Kärnten im Louvre, im Schloss Versailles und in der Eremitage zu bewundern. Wer die weite Reise nach Frankreich oder Russland scheut, der kann sich erlesenes Glas aus der stiftischen Erzeugung direkt in St. Paul ansehen. Mit Reichart ging eine Epoche zu
Ende, die man als das „saeculum aureum“ bezeichnen kann. Nachdem das Stift dem josefinischen Klostersturm zum Opfer gefallen war, legte das Jahr 1809 mit der Wiedererrichtung den Grundstein für die heute in St. Paul beherbergte Kunstsammlung, die zu den bedeutendsten in Österreich zählt. Nach der Schließung ihrer Abtei durch den Reichsdeputationshauptschluss zogen der Abt und die Mönche von St. Blasien (Schwarzwald) zunächst nach Oberösterreich (Spital am Pyhrn) und schließlich nach Kärnten.

Die Fürstäbte von St. Blasien, allen voran Martin Gerbert, waren Mäzene der Kunst und legten glanzvolle Kollektionen an, die heute noch das Lebensgefühl und den Zeitgeist des Barocks widerspiegeln. Die multilinguistische
Korrespondenz Gerberts erlaubt den Schluss auf einen sehr wachen Geist, dem die Sympathie des Lesers gewiss ist. Die feinen Nuancen seines schöpferischen Wirkens erreichen alle Sparten der damals bekannten Wissenschaft: er war Rhetor, Historiker, Musiker und Liebhaber der schönen Künste ebenso Philosoph und Theologe. Nach dem Brand seines Klosters, 1767, ging er mit unermüdlichem Eifer daran, die Kunstsammlungen neu aufzubauen. Vorbilder waren zweifellos die großen Fürsten der Renaissance, die mit ihren Kunst- und Wunderkammern die Symphonie der Natur einfangen und ihrer habhaft werden wollten. In dieser Zeit entstand eine bedeutende Gemäldesammlung, ein grafisches Kabinett, erlesene Glas- und Edelmetallkollektionen und ein beachtliches Skurrilitätenkabinett. Damit nicht genug!

Die teilweise vor den Flammen gerettete Bibliothek erhielt bedeutende Zuwächse, so dass sich der heute in St. Paul vorhandene Bücherbestand als der prominenteste privater Natur in Österreich rühmen kann. Gerbert legte eine bemerkenswerte Musikaliensammlung an, die mit „Schmankerln“ wie dem ältesten Beleg der Mehrstimmigkeit des Mönches Hucbald (10. Jahrhundert) und der ältesten Harmonienlehre der Welt aufwarten kann.
Nachdem sich unter Gerberts Nachfolger das Ende für St. Blasien abzuzeichnen begann, ließen die Mönche durch geschicktes Handeln, einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Sammlungen in die Schweiz bringen, wo sie vor dem Zugriff des napoleonischen Regimes und seiner Handlanger (Herzöge von Baden) sicher waren. Nach dem endgültigen Todesstoß für das Kloster (1806) floh man von dort mit denKostbarkeiten unter den Schutz der Habsburger.

Alte Veduten zeigen den Zustand der Klosteranlage von St. Blasien, die palastartig war. Die Euphorie der Emigranten war durch die Bescheidenheit des St. Pauler Gebäudeensembles sicher gebrochen,
aber mit Fleiß und Zielstrebigkeiten gelang den Klosterleuten ein neuer Anfang. Auch heute ist der Besucher der Lavanttaler Abtei überrascht. Das nach außen sehr
einfach wirkende Stift entfaltet in seinem Inneren die ganze Schönheit des Barocks und die Sammlungen lassen das Herz jedes Kunstkenners höher schlagen. Heute sind die Glanzstücke in einem modernen Museum untergebracht, dessen Grundstein Abt Bruno Rader 1991 legte und das durch die Europaausstellung 2009 eine bedeutende Erweiterung erfuhr.

Der unbestrittene Glanzpunkt ist das Reichskreuz König Rudolfs von Schwaben. Die Zeit des Investiturstreites (11. Jahrhundert) zwischen Heinrich IV. und Papst Gregor VII. war für die Kirche wohl eine der unheilvollsten. Nachdem sich Heinrich der Autorität des Papstes nicht beugen wollte, fand man in Rudolf von Rheinfelden einen Gegenkönig, der sich zur Legitimation seines Machtanspruches als christlicher Herrscher Reichsinsignien anschaffen musste. Seine Tochter, die ungarische Königin Adelheid, stellte für die Schaffung des Reichskreuzes Geld und Edelsteine zur Verfügung, die kunstvoll arrangiert wurden. Nach dem Tod Rudolfs in der Schlacht an der Elster verlor das Kreuz seine Bedeutung und kam nach St. Blasien, wo es als Vortragskreuz Verwendung fand. Dort wurde auch im 12. Jahrhundert die Rückseite gestaltet, die neben den Emblemen der vier Evangelisten und Christus in der Mandorla als Zentralfigur im Schnittpunkt der beiden Balken, bedeutende Gestalten der Geschichte des Schwarzwaldklosters zeigt. Das Kreuz selbst besteht aus einem
Eichenholzkern, der mit feuervergoldetem Silberblech verkleidet ist und an der Vorderseite drei ägyptische Skarabäen, 25 antike Gemmen aus frühgriechischer, klassischer und hellenistischer Zeit sowie zahlreiche Edel- und Halbedelsteine in Filigranfassung trägt.

Zentral ist eine Reliquie des Kreuzes von Jerusalem zu sehen, das der Legende nach von der Mutter Kaiser Konstantins (Helena) aufgefunden wurde. Im Mittelalter blühte der Handel mit Reliquien und gestaltete sich beinahe zur „olympischen Disziplin“, wobei Echtheit und Fälschung heute nicht mehr nachvollziehbar sind. Romanisch sind ebenso zwei textile Raritäten: eine Glockenkasel aus dem 12. und ein Pluviale aus dem 13. Jahrhundert. Beide Gewänder sind auf der Insel Reichenau von Mönchen aus Leinen angefertigt und danach mit Seidenfäden aufwendig bestickt worden. Die Kasel zeigt auf 38quadratischen Feldern die gestickten Szenen alt- und neutestamentlicher Themen sowie 21 männliche Heilige im Randstreifen, eingebettet in Kreismedaillons. Das Pluviale (Vespermantel) stammt aus der Zeit um 1225 und geht in 46
schriftumsäumten Medaillons auf die Legenden der Heiligen Blasius und Vinzenz ein.

Aus der selben Zeit stammen zwei prachtvolle Kreuze, die dem Christkönigstypus verpflichtet sind. Das Leiden wird in den Hintergrund gedrängt, während sich das Herrschertum entfaltet – eine Darstellungsart, die spätere Jahrhunderte ablehnten.

Sollte damit die Eitelkeit des Sammlers in die Schranken gewiesen werden? Skurriles rundet das Geschaute ab und lässt den Humor durchblicken, der schelmisch den Geist der Sammler lebendig hält. Nahtlos gliedert sich eine prachtvolle und reichhaltige Textilsammlung ein, die Kunstvolles von „Nadel und Faden“ in den Mittelpunkt stellt. Eine Spitzenarbeit aus Brüssel in Silber steht neben einem glanzvollen Ornat aus Silber und Gold. Samt und Seide geizen nicht mit ihren Reizen und rufen das „Heilige Theater“ der Liturgie vergangener Tage auf die Bühne. Jeder Schritt wie eine gewaltige choreografische Inszenierung vor dem Hintergrund einer perfekten Kulisse. Ein großer Bestand an wertvollen Ölgemälden lässt europäisches Kunstschaffen in St. Paul lebendig werden. Angereichert durch die etwa 30.000 Blätter zählende Grafiksammlung ist eine Begegnung mit nahezu allen namhaften Künstlern möglich. Originale von P. P. Rubens, Rembrandt, Dürer, Brueghel, Van Dyck, Tiepolo, Leonardo da Vinci … und Kremser Schmidt geben einen informativen und eindrucksvollen Überblick über das künstlerische Schaffen mehrerer Epochen.

In der Sammlung sind einige sehr schöne Beispiele gotischer Tafelmalerei zu finden, wie etwa das Triptychon eines unbekannten Meisters, das im Mittelfeld den Gnadenstuhl zeigt, der an den Seitentafeln von vier Heiligen flankiert wird. Aus derselben Hand stammt die seltene Darstellung der Dreifaltigkeit. Beide Arbeiten entstanden um 1470. Aus der Renaissance haben sich Arbeiten von Leonardo da Vinci oder Hans Holbein erhalten, ebenso wie die Darstellung der Großen Passion von Albrecht Dürer.

Von den barocken Werken der Gemäldesammlung ist ein Bozzetto von Rubens hervorzuheben, der die Anbetung der Hirten zeigt. Das Gemälde entstand um das Jahr 1620. Mehrere Landschaftsdarstellungen sind herausragende Beispiele niederländischer Kunst. Erwähnenswert ist hier eine Flusslandschaft von Jacob v. Ruisdael um 1670. Die Darstellung der „Ruhe auf der Flucht“ von Antonis van Dyck (1599-1641) fügt sich in die Reihe weiterer Bilder, die dem Meister zugeschrieben werden. Zwei Jahrmarktszenen von Pieter Brueghel d. J. um etwa 1630 geben in einem fantastischen Spiel der Farben Einblick in das Leben auf dem Land. In die Sparte der bäuerlichen Genremalerei fällt auch ein Werk des Niederländers David Vinckboons, der eine Bauernkirmes Gestalt werden lässt. Aus dem Soldatenleben erzählt eine Wirtshausdarstellung von David Teniers (1610-1690). Werke der großenösterreichischen Barockmaler Troger, Gran, Maulpertsch, Rottmayr und Knoller sind Dokumente der heimischen Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts. Eine Homage an den Meister der späten österreichischen Barockmalerei Johann Martin Schmidt, genannt der Kremser Schmidt (1718-1801) sind 15 großformatige Ölbilder mit Themen aus dem Alten und Neuen Testament.

Die Kunst des 19. Jahrhunderts ist vertreten durch Schöpfungen von Markus Pernhart oder Jakob von Alt. Künstler wie Max Liebermann, Joseph Pernell, Max Klinger oder die Zeitgenossen Johanes Zechner und Staudacher repräsentieren das 20. Jahrhundert. Interessant ist in St. Paul ferner eine nicht unbedeutende numismatische Sammlung, die von antiken Stücken, wie römischen Goldmünzen über mittelalterliche Pfennige bis hin zu prachtvollen Medaillen der Renaissance reicht.

Berühmt ist das Stift St. Paul für seine Büchersammlung, die als einzige in Österreich in der Lage ist, die Entwicklung der Schreibkunst vom frühen vierten bis zum ausklingenden 18. Jahrhundert zu dokumentieren. Der gesamte Bücherbestand ist auf vier Bibliotheken verteilt und umfasst weit über 100.000 Bände. Eine besondere Kostbarkeit ist dabei das älteste Buch Österreichs aus dem frühen 5. Jahrhundert: De fide catholica von Ambrosius. Zu den ältesten Gesetzbüchern zählt das Sammelwerk karolingischer Kapitularien aus dem 9. Jahrhundert mit der ersten bildlichen Darstellung Karls des Großen. Ebenfalls aus dem 9. Jahrhundert stammt ein Schulschreibheft (Insel Reichenau), das lateinische und griechische Vokabeln, einen Stundenplan und ein sehr berühmtes irisches Gedicht zum Inhalt hat. Prachtvoll ist der Ramseypsalter aus dem 13. Jahrhundert.

Zahlreiche reich illuminierte Handschriften sind herausragende Beispiele der französischen, italienischen und deutschen Buchmalerei. Interessant sind die Fragmente der Minnesängerliteratur, wie Hartman von Aues „Iwein“, Wolfram von Eschenbachs „Willhalm“ oder das sprachhistorisch bemerkenswerte St. Pauler Neidhartspiel von Neidhart von Reuenthal. Das Zeitalter des Buchdrucks läutet das erste Erzeugnis Gutenbergs ein, das sogenannte „missale speciale abbreviatum“, das um die Mitte des 15. Jahrhunderts als Vorreiter der berühmten Bibel entstanden ist. St. Paul besaß auch eine 42 zeilige Gutenbergbibel, die aber leider als Folge der Weltwirtschaftkrise in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Amerika (Congressbibliothek in Washington) verkauft wurde. Heute schwören die Amerikanischen Präsidenten ihren Amtsantrittseid auf jene Bibel aus St. Paul.

Niemand sollte St. Paul verlassen, ohne die imposante mittelalterliche Basilika aus dem 12. Jahrhundert besucht zu haben. Die Pracht der Architektur mit kunstvollen Kapitellformen, der beeindruckende Freskenschmuck (Michael Pacher, Thomas von Villach, Meister Heinrich von Gurk) und die gediegene Ausstattung bilden den würdigen Rahmen des Gotteshaus, in dessen Gruft die Gebeine der ersten Habsburger ruhen (unter ihnen die Stammmutter der Habsburger – Anna Gertrude von Hohenberg, die Frau Rudolfs I.).


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