Dieses Städtchen ist ein Hammer

Gepostet von
15. Oktober 2017

Kurioser, aber sehenswerter Mix: die längste Burg der Welt, die älteste Hammerschmiede Europas, ein cooles Mittelalterfest und eine internationale Jazzwoche.

Von Georg Lux*

Manchmal hält ein Name ja doch, was er verspricht. Ein wunderschönes Beispiel dafür ist Burghausen in Bayern. Malerisch, aber gleichzeitig unübersehbar dominant, wie es nicht einmal Herr Grey im Schundroman über seine „Fifty Shades“ ist, thront über dem 50 Fahrminuten von Salzburg entfernten Grenzstädtchen die längste Burg der Welt.

Das im Kern mehr als 1000 Jahre alte Areal ist mehr als einen Kilometer lang. 1051 Meter, um ganz genau zu sein. Ihre Größe verdankt die in sich geschlossene Wehr- und Wohnanlage, die den bayerischen Herrschern zeitweise als Residenz diente, unter anderem dem Salzhandel. Er erfolgte über die Salzach (nomen est omen), die sich unter der Burg durch das an diese Stelle besonders enge Salzachtal schlängelt. Das Salz aus Hallein durfte im Mittelalter nur auf diesem Wasserweg Richtung Norden transportiert werden. In Burghausen musste man es umladen und verzollen. Das brachte der Obrigkeit ordentlich Kohle, machte gleichzeitig aber auch eine militärische Sicherung der wirtschaftlich wichtigen Location notwendig.

Die Burg erfüllte ihren Zweck perfekt. Sie wurde nie eingenommen und ist deshalb in ihrer imposanten Form erhalten geblieben. Die Gebäude sind bis heute bewohnt und begehrt: Wer eine Wohnung oder ein Haus in der Burg mieten will, muss sich in eine lange Warteliste der bayerischen Schlösserverwaltung eintragen. Außerdem sollte man Menschen mögen. Das historische Bauwerk ist in seiner vollen Länge öffentlich zugänglich – das lockt natürlich den einen oder anderen Touristen an.

Neben den privaten Gemächern beherbergt die Burg drei Museen mit völlig unterschiedlichen Schwerpunkten: das Haus der Fotografie (logischerweise ist es eher modern ausgerichtet), das staatliche Burgmuseum (das vor allem Gemälde zeigt) und das vor Kurzem neu gestaltete Stadtmuseum. Sehenswert sind alle, besonders aber – zumindest für meine „unterirdisch-historische“ Interessenslage – das Stadtmuseum. Es widmet sich besonders anschaulich unter anderem der Geschichte des Salzhandels.

Apropos „anschaulich“: Die Burg dient immer wieder als Filmkulisse. 2008 wurden in und vor den historischen Mauern Szenen für die Kino-Version von „Wicki und die starken Männer“ gedreht, 2010 folgten „Die drei Musketiere“ mit Christoph Waltz in der Rolle des machthungrigen Kardinals Richelieu und Milla Jovovich als teuflische Mylady de Winter.

Weniger prominent besetzt, aber nicht minder legendär ist eine zweite Sehenswürdigkeit, die ich Burghausen-Besuchern ans Herz legen möchte: die 1465 erstmals urkundlich erwähnte Hammerschmiede von Frank Wagenhofer. Sie ist die älteste Europas, die noch betrieben wird. Ursprünglich diente die Schmiede vor allem der Herstellung von Waffen, heute können Besucher – unter fachkundiger Anleitung des Hausherren – selbst Hand anlegen. Spektakulär! Ich habe natürlich auch mitgemacht und bin, um allfälligen Fragen gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, unverletzt geblieben.

Einmal im Jahr spielt Frank Wagenhofer auch außerhalb seiner Schmiede eine Hauptrolle: Beim großen Burgfest verkörpert er den Herzog. Die dreitägige Mittelalter-Party steigt jährlich am zweiten Wochenende im Juli – natürlich auf der Burg. Die Teilnehmer tragen historische Kostüme, es gibt einen Mittelalter-Markt und kulinarische Köstlichkeiten wie anno dazumal. Weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt ist das 18.000-Einwohner-Städtchen aber auch für ein kulturelles Highlight, dessen Wurzeln „erst“ im 20. Jahrhundert liegen: Bei der jährlichen Jazzwoche, die seit 1970 stattfindet, stehen nicht nur internationale Stars, sondern vor allem Musikliebhaber Schlange.

Mehr Infos:

* Georg Lux ist Autor der Sachbücher „Kärntens geheimnisvolle Unterwelt“ (2013), „Gold in Österreich – Eine Schatzsuche“ (2015) und „Verfallen & vergessen – Lost Places in der Alpen-Adria-Region“ (2017).